Kostengünstige Entwicklung komplexer Leiterplatten

Dieser Bericht beschreibt einen typischen Entwicklungsablauf einer komplexen Leiterkarte unter Berücksichtigung der Kosten. Es wird ein Augenmerk auf die einzelnen Entwicklungsschritte und die Übertragung der Daten zwischen den einzelnen Schritten gelegt. Der Entwicklungsprozess soll hier exemplarisch anhand der Entwicklung eines neuen Mobiltelefons beschrieben werden. Der aufgezeigte Ablauf lässt sich in leicht modifizierter Art auf die Entwicklung jedes beliebigen Gerätes anpassen.

Konzeptionelle Phase

In der konzeptionellen Phase zu Beginn eines Projektes werden meist vom Marketing die ersten Spezifikationen festgelegt. Aus dieser ersten Liste mit gewünschten Funktionen (z.B. Triband, WAP, Java, Spiele, Bluetooth, Kamera) werden anschließend die Spezifikationen verfeinert. Zusätzlich legt das Marketing noch weitere Parameter, wie zum Beispiel den Liefertermin zum 1. November fest, damit das Weihnachtsgeschäft die erwünschten Stückzahlen bringt.

Aufteilung in Funktionsblöcke

Bereits mit der Liste aus dem Marketing beginnt die wichtigste Phase in der Entwicklung. Da später ein ganzes Team parallel an der Entwicklung des neuen Gerätes mitwirkt, werden so früh wie möglich im Designprozess die einzelnen Funktionsblöcke eingeteilt. Diese Aufgabe ist besonders schwierig, da überlegt werden muss, ob evtl. bereits in der Vergangenheit entwickelte Funktionsblöcke oder auch nur Teile dieser Blöcke wieder verwendet werden können. Wenn z.B. die Stromversorgung gleich bleibt, können die Akkus und Anschlüsse von vorherigen Modellen übernommen werden und somit die Gesamtstückzahlen der benötigten Akkus erhöht und die Gesamtkosten des Projekts gesenkt werden.

konzeptionelles Schema des Datenflusses

Die Überlegung, ob durch verschiedene Bestückungsvarianten ein System mit mehreren Ausfertigungen geplant ist, sollte auch so früh wie möglich getroffen werden. Durch die unterschiedliche Bestückung ein und derselben Grundplatine lässt sich eine höhere Stückzahl bei gleich bleibender Bestückung erzielen. Durch selektives Nachbestücken kann auf im Markt entstandene Trends schnell reagiert werden. Nach der ersten Vorbetrachtung wird das Gerät in funktionale Blöcke aufgeteilt. Nachdem die Schnittstellen zur Software und Mechanik definiert sind, beginnt die eigentliche elektronische Entwicklung. In Concept HDL oder Capture CIS lassen sich die hierarchischen Strukturen der Funktionsblöcke sehr leicht eingeben und darstellen.

Umsetzuing des konzeptionellen Schemas in ein Designtool

Elektrische Übertragungsprotokolle

An diesem Punkt im Entwicklungsprozess findet die Auswahl der wesentlichen und kritischen Komponenten und der dazugehörigen Übertragungsprotokolle zwischen den Bausteinen statt. Bei Datenübertragungsstrecken mit hohen Taktfrequenzen und steilen Anstiegszeiten der Signale, den so genannten High - Speed oder Transmission - Leitungen, müssen zusätzlich zu den Protokollen auch die elektrische Beschaltung berücksichtigt werden. Die schnellsten Signale geben die Art des Leitungsabschlusses vor. Hieraus ergibt sich auch ein Teil des Lagenaufbaus für die spätere Platine.

Wenn die Leitungsabschlüsse nicht exakt oder widersprüchlich für diesen Anwendungsfall beschrieben sind, ist es notwendig, das elektrische Verhalten der Übertragungsstrecke zu simulieren. Hierzu werden so genannte Strom-/Spannungskurven (IBIS Modelle) oder bei Frequenzen ab 1 GHz Transistormodelle (Spectre oder HSpice) verwendet. Diese Modelle stellen das elektrische Verhalten der Treiber und Empfänger dar. Mit Hilfe von "What-if" - Analysen können schnell alle möglichen Toleranzen und Varianten dieser Topologie ermittelt und daraus die ersten Designregeln aufgestellt werden. Mit Allegro SI können nicht nur einfache Signalverhaltenweisen simuliert werden, sondern auch das Verhalten der Signale zueinander, wie Übersprechen oder das Abstrahlverhalten. Dabei werden die kompletten Signale berücksichtigt, selbst wenn sie über mehrere Einsteckkarten oder Backplanes gehen.

In der frühen Projektphase sind Überlegungen zur Art der Signalübertragung sehr kostengünstig, da zu diesem Zeitpunkt im virtuellen Raum quasi Musteraufbauten erstellt werden und virtuell die verschiedenen Längen oder Anzahlen von Empfängern durchgespielt werden können. Hier entscheidet der Entwickler schnell, ob er eine Topologie mit Sternverdrahtung oder Daisy Chain bevorzugt.

Designregeln

Sobald ein Entwickler eine elektrische Eigenschaft für das spätere Design erarbeitet hat, sollte er diese Vorgabe als Designregel in einen durchgängigen und toolübergreifenden „Constraint Manager" eingeben. Der Constraint Manager ist eine zentrale Datenbasis, in der die Regeln für das Design gesammelt und verwaltet werden und alle Allegro - Module im Laufe des Designprozesses auf die enthaltenen Regelwerte zugreifen können. Es ist wichtig, dass die Regeln allen an dem Design beteiligten Entwicklern gleichzeitig zur Verfügung stehen. Einige Regeln werden im Laufe der Entwicklung genauer spezifiziert. Somit ist ein Protokollieren der Änderungen essentiell. Ein stetiges Verfeinern der Regeln ermöglicht es, die späteren Fertigungstoleranzen zu berücksichtigen und dennoch sicherzustellen, dass das Design später einwandfrei funktioniert.

Wahl der richtigen Bauteile

Die Wahl der richtigen Bauteile wird nicht nur nach elektrischen Vorgaben getroffen. Vielmehr ist es in einer reibungslosen und kostenoptimierten Produktion notwendig, dass die Entwickler an die finanzbuchhalterischen Informationen angeschlossen sind. Informationen wie Preis, Verfügbarkeit, Lagerbestand und bevorzugtes Bauteil sind bei der Wahl der richtigen Komponenten heutzutage wichtige Parameter. Die Daten kommen aus Systemen wie SAP oder Oracle, und werden regelmäßig aktualisiert bzw. sind online für den Entwickler verfügbar. Die umfassende Anbindung des gesamten Flows an ein Product Lifecycle Management (PLM) - System wird sich in naher Zukunft immer mehr durchsetzen.

Bibliotheken

In Bibliotheken werden die verwendeten Bauteile verwaltet. Es wird ein Symbol für den Schaltplan benutzt, der nur die abstrakte Funktion des Bauteils wiedergibt. Zusätzlich werden ein oder mehrere physikalische Footprints für ein Bauteil angelegt. Hier kann es zu alternativen Footprints kommen, da ein und derselbe Widerstand liegend oder stehend und in verschiedenen Technologien (Through Hole, SMD) die gleichen elektrischen Eigenschaften haben kann. Bei der Erstellung der Bauteile werden im PCB Librarian benutzergeführte Eingabehilfen, so genannte Wizzards benutzt. Es lassen sich Daten auf vielfältige Weise importieren. Unterstützte Formate sind: PDF, CSV, XML, PTM, ECIX u.v.a.

Elektrische Simulation mit PSpice

Parallel zu den Übertragungsprotokollen, findet die Entwicklung der einzelnen Funktionsblöcke statt. Hier wird die gewünschte Funktionalität mit einer elektrischen Schaltung erzeugt. Um die richtige Wahl der Bauteile zu treffen, wurden früher Testaufbauten gefertigt und das Verhalten der Bauteile und Signale mit dem Oszilloskop gemessen. Heute kann man auch das elektrische Verhalten einer Schaltung virtuell simulieren und so die Entwicklungszeiten reduzieren.

Ermitteln der Werte eines Operationsverstärkers

Mit der sensitiven Analyse in PSpice lassen sich die kritischen Parameter der Schaltung ermitteln, die bei kleinsten Schwankungen das Verhalten der Ausgangsgröße am meisten verändern. Sobald die kritischen Parameter gefunden sind, kann die Schaltung automatisch so optimiert werden, dass sie, bei größten möglichen Toleranzen, einen stabilen Arbeitspunkt hat. Nach dieser Analyse lassen sich unkritische Bauteile durch günstigere Komponenten mit weiteren Toleranzen und kritische durch genauere mit engeren Toleranzen ersetzen. Somit lassen sich Schaltungen im Hinblick auf Kosten und Performance optimieren.

PSpice Design Flow

Mit der MonteCarlo - Analyse lässt sich ermitteln, wie groß die Fertigungstoleranzen sein werden und dementsprechend wie groß die Ausbeute in der Fertigung sein wird. Ist die Ausbeute zu gering, muß entweder die Schaltung weiter optimiert oder ein anderer Lösungsansatz gefunden werden. Durch diese Analyse lassen sich Kosten, die durch hohe Ausfallraten hervorgerufen werden, vermeiden.

Mit der Stressanalyse (Smoke) wird zusätzlich berücksichtigt, wie lange ein Bauteil mit seiner maximalen Balastungskurve betrieben wird. Dies hat auch Auswirkungen auf die Ausfallwahrscheinlichkeit während des Betriebs des Bauteils und damit auch auf die Qualität der zu fertigenden Geräte. Mit PSpice lassen sich nicht nur analoge Schaltungen, sondern auch digitale Logikschaltungen (A/D-Wandler, Schmitt-Trigger) simulieren.

Funktionale Verifikation

Sind in der Schaltung auch komplexere Logikbausteine wie CPLD, FPGA, ASIC oder Micro- Prozessoren, kann deren logisches Verhalten simuliert werden. Mit Concept HDL erzeugte Schaltpläne können 1:1 in NC-Sim übernommen werden, da sie bereits in einer Hardwarebeschreibungssprache gespeichert werden und es zu keinen Fehlern durch Konvertierung kommen kann.

Wenn komplexe Teile der Schaltung nicht als Logik gezeichnet wurden, sondern in den Programmiersprachen VHDL oder Verilog für programmierbare Bausteine erstellt wurden, können diese sowohl in Concept HDL eingebunden bzw. in NC-Sim simuliert werden.

Physikalische Umsetzung

Bevor mit der physikalischen Umsetzung begonnen werden kann, muss die Leiterkarte spezifiziert werden. Hierzu ist neben den physikalischen Abmessungen auch der Lagenaufbau von Bedeutung.

Die physikalischen Abmessungen können zwar im Layoutprogramm Allegro einfach erstellt werden. Jedoch sieht der realistische Arbeitsablauf in den meisten Firmen so aus, dass die Abmessungen aus einem mechanischen CAD - Werkzeug importiert werden. So geben die Mechaniker meist die Kontur, Bohrlöcher für Befestigungen und Sperrflächen für Bauteile mit einer bestimmten Höhe vor. Die mechanischen Konstrukteure können vorab bereits den Ein- und Ausbau der Leiterkarte mit 3D Modellen simulieren.

Sobald die Kontur eingelesen ist, können die Bauteile so platziert werden, dass die gesamte Leiterkarte später in das Gehäuse passt. Wenn ein exaktes Platzieren für die 3D - Simulation beim Ein- und Ausbau notwendig ist, kann die Feinjustierung der Bauteilposition auch im mechanischen CAD-System erfolgen. Die Daten werden hier über die Schnittstellen IDF oder DXF übertragen.

Der Lagenaufbau einer Platine ergibt sich aus der reinen Anzahl von Verbindungen, die entflochten werden müssen. Wenn die Signale mit schnellen Anstiegszeiten auf der Karte übertragen werden, ist ein Abgleich der Leiterbahn mit dem Wellenwiderstand der Bauteile notwendig. In diesem Fall spricht man von impedanzkontrollierter Fertigung der Leiterkarte. Dafür werden meist definierte Versorgungslagen eingefügt. Um bei noch höheren Taktfrequenzen das Rauschen der Stromversorgung (Common Mode Noise) gering zu halten, kann es erforderlich sein, ein oder mehrere so genannte Versorgungslagenpärchen einzuführen, welche als Plattenkondensator direkt an den Bauteilen fungieren. Bei der Wahl des Lagenaufbaus hilft das Simulations - Tool Allegro SI, mit dem in "What-if" - Analysen der optimale Lagenaufbau erarbeitet werden kann. Bei impedanzkontrollierten Leiterkarten wird aus der Karte als pure Verbindung zweier Punkte ein komplexes Bauteil mit elektrischen Eigenschaften, die nicht mehr vernachlässigt werden dürfen.

Floorplanning

Nachdem die wesentlichen Teile der elektrischen Schaltung erstellt und die dazugehörigen Regeln in den Constraint Manager eingegeben wurden, kann mit dem Floorplanning begonnen werden. Die Kunst beim Floorplanning ist es, die Bauteile so zu platzieren, dass die mechanischen und elektrischen Vorschriften eingehalten werden und das Design leicht zu entflechten ist. Auch hierbei unterstützt Allegro SI den Entwickler, da ein integrierter Autorouter schnell für Machbarkeitsstudien benutzt werden kann. Durch gutes Floorplanning lassen sich die Bauteile so platzieren, dass sie überhaupt bzw. einfach entflochten werden können.

Layout

Wenn die kritischen Bauteile platziert sind, kann der Layouter mit dem Entflechten der Leiterplatte beginnen. Hier wird der Layouter in Allegro, dem Layout Tool, interaktiv unterstützt, die elektrischen Vorgaben wie minimale und maximale Leitungslänge oder die vorgegebene Impedanz einzuhalten. Bei differentiellen Leitungspaaren werden beide Leitungen automatisch parallel gemäß den Regeln geroutet. Selbst bei komplexen Strukturen, in denen mehrere differentielle Signale mit der gleichen Länge geroutet werden sollen, kann dies interaktiv von Hand, oder automatisch mit dem Allegro Autorouter SPECCTRA geschehen.

Layoutentflechtung eines komplizierten Boards mit Allegro

Testpunkte für die spätere Endkontrolle können auf den Leiterbahnen manuell oder automatisch gesetzt werden oder bereits vorhandene Testadapter wiederverwendet werden. Auch hier lassen sich verschiedene Regeln für die Testpunkte eingeben. Diese Regeln können die genaue Anzahl und den Pin pro Netz beschreiben, an denen ein Testpunkt sein darf. Es ist auch möglich Testpunkte unter Bausteinen zu erlauben, die erst nach dem Test in den Sockel gesteckt werden.

Mit den Funktionen "Push and Shove" lassen sich Leiterbahnen und Durchkontaktierungen mit einstellbarer Sensibilität verschieben. So bahnen sich die Leiterbahnen bahnen sich einen Weg durch ein bereits entflochtenes Gebiet. Wenn bewusst oder unbewusst gegen Vorgaben verstoßen wird, zeigt Allegro dies mit einem Online Design - Rule - Check (DRC) an. Eine Leiterkarte ist erst dann fertig, wenn alle DRCs behoben sind.

Power Integrität

Das Platzieren der so genannten Abblockkondensatoren wurde in der Vergangenheit nach Daumenwerten oder Faustregeln durchgeführt. Dies ist nur bis zu Taktfrequenzen von einigen hundert Megahertz möglich. Ist die Taktfrequenz höher, müssen auch hier genauere Betrachtungen in Bezug auf die Zielimpedanz der Stromversorgung vorgenommen werden.

Frequenzabhängige Zielimpedanz für einzelne Quadrate des Boards

Mit Allegro PI (Power - Integrity) lassen sich die Wirkungsradien der Kondensatoren exakt bestimmen. Mit Hilfe der Platzierungshilfe im Tool wird dem Entwickler angezeigt, an welcher Stelle er einen Kondensator mit einer speziellen Resonanzfrequenz anbringen sollte, um die beste Wirkung zu erzielen. Erst wenn die Zielimpedanz über das gesamte Board erreicht ist, lassen sich Fehlschaltungen aufgrund schwankender Betriebsspannung vermeiden.

Ausgabe der Daten

Die Ausgabe der Daten für eine Leiterkarte findet üblicherweise im Gerber, extended Gerber oder Valor ODB++ Datenformat statt. Anschließend werden aus diesen Daten Filme erstellt, mit denen dann die einzelnen Lagen photochemisch umgesetzt werden. Zusätzlich werden noch Pläne mit den Bohrdaten und Bohrdurchmessern ausgegeben.

PCB Design (OrCAD)
PCB Design (Allegro)
PSpice Simulation
3D PCB Design (Nextra)
Netlist Compare (Doctar)
CAM Data (Gerbtool)
DFM / DFA / DFT
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